Sehnsuchtsorte – in Zeiten der Pandemie

Sehnsuchtsort ist ein Projekt, für das ich Menschen jeden Alters, unabhängig von Beruf und Herkunft an ihren Sehnsuchtsorten fotografiere. Orte also, an die man mit Wehmut denkt, die einen fehlen. Orte die aufgrund von der Corona Pandemie auf unbestimmt geschlossen wurden oder gerade nicht bespielt werden. Die Orte können ganz unterschiedlicher Art sein – vom Schwimmbad über den Beachvolleyballplatz hin zum Museum, Kino, Bühne oder Bar. Orte wie ein Fußballstadion oder ein Lieblingsrestaurant.

All diese Orte sind in Planung oder gar schon mit jeweiligen Protagonisten fotografiert. Die Menschen werden mit aufgesetzten Masken oder in der Hand haltenden Masken fotografiert. Der Hintergrund ist leer, temporär ungenutzt und abgedunkelt. Die Personen scheinen sich wie vor einer Fototapete vom Hintergrund abzuheben – die funktionale Distanz wird deutlich.
Zusätzlich zu den Fotografien möchte ich mit den Menschen ein kleines Interview führen um die Essenz der Veränderung zu finden und was sie mit dem jeweiligen Ort verbindet.

Ich erhoffe mir eine Dokumentation von Gedanken und Gefühlen zur momentanen Situation zu bekommen, die ein vielfältiges Bild von den Ängsten und Hoffnungen der Menschen zeichnet. Außerdem sehe ich mit der Inszenierung der Menschen an den Orten eine Möglichkeit für die Betreiber der Orte sichtbar zu werden. Sie sind oft in einer schwierigen wirtschaftlichen Situation.

Mein besonderer Dank gilt Jamal Cazaré, der mich als Assistent für die Shootings aber auch für die Organisation unterstützt, an alle Inhaber und Betreiber der Sehnsuchtsorte, die sofort verstanden haben um was es mir geht und natürlich an die Protagonisten, die Teils aus dem Juno-Casting Pool entsprungen sind, im Laufe des Projektes aber auch durch herrliche Querverstrickungen zu mir gefunden haben.

Clara Deckenbach,
Riff in Bad Lausick

Wasser mag ich wirklich sehr. Ende März wollte ich mit meinem Bruder zusammen einen Schwimmkurs machen, der fällt nun ins Wasser. Ich vermisse meine Freunde, den Spielplatz und Oma und Opa. Meine Patentante wollte uns nach langer Zeit besuchen – auch das geht nicht. Aber ich freue mich riesig auf meinen ersten Schultag und das Zuckertütenfest!

Madeleine Braun,
Riff in Bad Lausick

Ich schwimme seit über einem Jahr im SV LOK Leipzig Mitte und trainiere im besten Fall 2x die Woche. Samstags schwimme ich noch eine Schwimmeinheit über das Sportbäderamt. Am Anfang der Corona(aus)zeit hat mir eigentlich nicht viel gefehlt, da ich ja trotzdem Radfahren und Joggen konnte. Aber so allmählich vermisse ich ein Treffen mit Freunden, ganz entspannt in einer Kneipe bei einem Glas Rosé oder ein leckeres Essen in einem Restaurant. Ich selber hab keine Angst mich anzustecken, allerdings aber davor wie mein Körper auf diese Erkrankung reagiert. Da ich mit meiner MS unter den Risikopatienten zähle, erst recht.

Katja Körber, Schauspielerin
Sehnsuchtsort Wohnwagen
Unter der B2 in Leipzig

Das Umherfahren mit dem Wohnmobil und jeden Tag woanders zu sein ist herrlich. Mir ist es auch egal, ob ich mich im kalten Fluss waschen muss oder es nur Müsliriegel zu essen gibt. Das ist wahre Freiheit für mich.
Wenn wir im Sommer in Deutschland bleiben müssten, weichen wir mit Zelt auf unser Grundstück in Thüringen aus oder machen „Urlaub“ bei den Großeltern an der Ostsee. Vielleicht besuchen wir einfach ein paar Leute. Wenn wir nächstes Jahr wieder reisen könnten, dann denke ich werden wir unsere ausgefallene Reise nach Slowenien nachholen. Wir wollten mit dem Auto für zwei Wochen dort in die Berge, in einer Hütte in den Bergen schlafen, kleine Ausflüge unternehmen, wandern und paddeln mit unserem aufblasbaren Kajak.

Manja
Sehnsuchtsort Beachvolleyballplatz
Stadthafen in Leipzig

Seit 2011 spiele ich Beachvolleyball, seit 2012 in einem festen Team, dass es bis heute gibt. Beachvolleyball vereint Athletik, Schnelligkeit, geschicktes Taktieren und der Spaß am Kampf um den nächsten Punkt. Ohne Team fällt es mir mittlerweile schwer, mich zum Sport zu motivieren. Es fehlt der Kontakt zu den Spielpartnern, es fehlen der Sand, die Sonne, die Luft, der Ball, der Geruch von Sonnencreme, das kühle Getränk danach und natürlich die Unterhaltungen.

Susann, Grundschullehrerin
Sehnsuchtsort Max Klinger Chor
Ringcafé in Leipzig

Im Ring Café kommt der Klinger Chor normalerweise einmal pro Woche zum Proben zusammen. Momentan sind die Chorproben virtuell, aber ich kriege in meinem Zimmer alleine keinen Ton raus. Ich singe schon seit vielen Jahren in verschiedenen Chören und habe mich für den Klinger Chor entschieden, weil er ein vielfältiges Repertoire von Klassik über Jazz bis Pop hat und wir viel unterwegs sind. Abgesagt wurden ein Wanderkonzert im MdbK im Rahmen der Max Klinger Ausstellung und ein Chorwochenende in Bad Homburg. Mal schauen, ob die Chorfahrt an die Ostsee im Sommer stattfinden kann.

Nancy Große, Studentin
Sehnsuchtsort Distillery
Leipzig

Die Tille ist mehr als eine Diskothek. Es ist eine Kulturstädte mit Nachwuchsförderung, Liveacts, Konzerten, Poetry Slams und einfach einer unglaublichen Vielfältigkeit.
Es ist ein Club mit 25 Jahren Geschichte. Meine Eltern waren schon hier feiern und heute ist es mein liebster Ort geworden. Wenn ich hier tanzen gehe, dann kleide ich mich so, dass ich mich wohl fühle. Ich treffe dann auf einen bunt gemischten Club dessen Besucher eines gemeinsam haben: den Abend und den Tanz vollkommen zu genießen.
Am liebsten würde ich meinen ganzen Corona-Frust in der Tille wegtanzen. Bis das wieder möglich ist verpasse ich keinen Livestream und tanze derweilen in meinem Wohnzimmer für mich.

Hannah Sieh, Schauspielerin
Sehnsuchtsort Theaterbühne
Pittlerwerke in Leipzig

Für diesen Sommer hatte ich mit einer Kollegin ein Theaterprojekt geplant. Der industrielle Charme der Pittlerwerke ist die perfekte Kulisse für unser Stück, in dem wir das Thema Mensch und Maschine, aus weiblicher Perspektive betrachten. Wir denken positiv und gehen davon aus, dass wir dieses Stück realisieren werden, auch weil das Thema und eine künstlerische Auseinandersetzung damit wichtig sind.

Karolina Trybala, Sängerin
Sehnsuchtsort Westflügel
Leipzig

Im Westflügel habe ich 2010 mein Diplomkonzert gegeben – verliebte mich in den Ort und habe danach begonnen eigene Veranstaltungen in diesem charmanten Ort zu organisieren: „Ventus mundi“ – eine Reihe für Improvisation
und Weltmusik und „Polish Twenties“ – eine Art Ball-Nacht im Stil der zwanziger Jahre. Ich liebe das verrückte Figurentheaters von Wilde und Vogel und inspiriere mich bei vielen Theater-Produktionen und Konzerten, die von der ganzen Welt hier her eingeladen werden. Auch ohne prall gefüllte Räume mit ausgelassenen Menschen, bin ich dankbar über Auftritte mit livestream im Werk 2, der Thomaskirche und im Gewandhaus, zu denen ich singen konnte.
Der digitale Applaus ersetzt natürlich nicht die Energie der Zuhörer und Tänzer während eines realen Konzertes!

Die Maske, vor allem die medizinische, verbinde ich unterbewusst mit Gefahr. Ich denke an Krankenhäuser, Operationen und Notsituationen. Durch das Bild der Maske in den Straßen werden bei mir die Gefühle der Angst und der Ausnahmesituation wachgehalten. Deswegen versuche ich Orte zu vermeiden an denen Masken-Pflicht besteht. Ich mach mir Sorgen um die Demokratie, die jetzt in vielen Ländern In Gefahr gerät. Ich denke dabei an Länder wie meine Heimat Polen, aber auch Ungarn, Israel und die Türkei. Die Machthaber nutzen dort den Ausnahmezustand um ihre Machtposition zusätzlich zu stärken.
Ich hätte Angst vor einer Pflicht-Impfung ohne Option auf Verweigerung. Die Vorstellung, dass eine Regierung darüber entscheidet was ich meinem Körper antue, bereitet mir ein immenses Unbehagen.

Julia Sophie Wagner, Sängerin
Sehnsuchtsort: Oper
Leipzig

Am 2. Mai hätte ich zum ersten mal als Pamina auf der Bühne der Oper Leipzig gestanden, in der Premiere der Neuproduktion von Mozarts „Zauberflöte“. Das ist für mich die Traumrolle schlechthin. Meine eigene Pamina zu erschaffen, an einem Haus wie der Oper Leipzig, mit einem großartigen Team und hervorragenden Kollegen – das wäre ein Highlight meines Sängerlebens gewesen, darauf habe ich lange hingearbeitet. Diese Produktion ist der Pandemie zum Opfer gefallen und wird nicht nachgeholt.

„In die Maske singen“ ist ein sehr häufig gebrauchtes Bild, um in der Vorstellung den richtigen Stimmsitz zu finden (es ist aber die venezianische Maske gemeint, also der Stimmsitz im oberen Teil des Gesichts). In die Schutzmaske zu singen funktioniert hingegen überhaupt nicht. Das wird schnell klar, wenn man es ausprobiert.